Sonntag, 23. März 2014

Buchrezension - Swetlana Alexijewitsch TSCHERNOBYL







Tschernobyl ist außer in Deutschland, den USA, in Japan und in Frankreich auf dem Markt. 
In Belarus hat der diktatorische Präsident Lukaschenko Tschernobyl verboten...

 * Am 17. März 2011 entdeckte ich den Artikel "Auf verseuchter Scholle" von Swetlana Alexijewitsch (aufgezeichnet von Stefanie Flamm) in "Die Zeit"; er hat mich sehr beeindruckt: "Als ich die ersten Bilder von der japanischen Atomkatastrophe sah, musste ich an eine Episode in Akira Kurosawas Film Träume denken. Der Vulkan Fudschijama bricht aus, ein einzelner Mann rennt gegen den Strom einer Menschenmenge in Tokyo. Er erfährt, dass das benachbarte Atomkraftwerk auch explodiert ist - wohlgeordnet, ein Reaktor nach dem andren. Plutonium, Cäsium, Trontium treten aus. Die Menschen flielhen, Endzeitstimmung. Ein Wissenschaftler ertränkt sich im Meer. Nachdem ich dann mit meiner japanischen Übersetzerin telefoniert hatte, war mir klar: Geschichte wiederholt sich doch. Es war richtig, dass ich meinem Buch über Tschernobyl den Untertitel Chronik der Zukunft gegeben hatte. Als es Ende der neunziger Jahre herauskam, wurde mir oft gesagt: `Ach, so eine Reaktorkatastrophe passiert doch nur bei euch Russen, in der unzivilisierten Wildnis, wo die Technik uralt ist und sich sowieso niemand an die Sicherheitsstandards hält. Aber unsere Atomkraftwerke im Westen sind sicher. - Auf meiner Lesereise durch Japan hat man mir die schicken japanischen Atomkraftwerke gezeigt: neueste Technik, die Gebäude waren schön anzusehen. Auch ich konnte mir nicht vorstellen, dass es dort jemals zu einer Kernschmelze kommen würde.  - Dennoch beschlich mich beim Anblick dieser eleganten Architektur ein merkwürdiges Gefühl. Warum, fragte ich mich, stehen die Atomkraftwerke so nahe am Meer? Ist das hier nicht Erdbebengebiet? Dass die Kraftwerke trotzdem genau dort gebaut wurden, daraus spricht die Haltung, auf der unsere moderne Welt basiert: dass der Mensch Herr über die Natur ist, dass er ihre Eruptionen vorhersehen kann. - Gleichzeitig erinnern die aktuellen Verlautbarungen an die Gorbatschow Administration vor 25 Jahren. Zuerst hieß es: alles unter Kontrolle, keine Gefahr für Leib und Leben. Dann mussten die Menschen evakuiert werden, im Umkreis von 10,20,30 Kilometern, schließlich wurden Medikamente verteilt, Verhaltensregeln aufgestellt. Doch es gibt einen großen Unterschied. Die damalige Sowjetregierung hatte wirklich keine Ahnung. Sie lebte in der Illusion, es gäbe das gute und das böse Atom. Das eine käme im Krieg zum Einsatz und zerstörte Leben, das andere würde uns beim Aufbau der Zivilisation der Zukunft helfen. - In meiner Erinnerung ist der Sommer 1986 eine seltsame Zeit. Schulen wurden geschlossen, weil die Kinder zu Hause angeblich sicherer waren. Man rasierte ihnen, warum auch immer, die Haare, wusch sie gründlich mit heißem Wasser. Irgendwann hieß es: Ihr dürft bei Regen nicht mehr in den Wald, keine Pilze mehr sammeln, keine Milch trinken. Sogenannte Liquidatoren vergruben verseuchte Erde mitsamt Möbeln und eingerissenen Häusern in nicht verseuchter Erde. Ich sprach damals mit einem Soldaten, der sagte: Auf einen Krieg wären wir besser vorbereitet gewesen. - Das Merkwürdige an dieser Katastrophe war, dass sie nicht wie eine Katastrophe aussah, nicht wie das, was man aus dem Kino kannte. Man lief durch einen satten, grünen Wald im Mai, alles blühte. Tschernobyl war wunderschön - und es wurde mit den Jahren immer schöner. Wenn der Mensch verschwindet, kehrt die Natur zurück. In der unmittelbaren Umgebung des Kraftwerks wohnt fast niemand mehr. In den verlassenen Häusern und Schulen hausen jetzt wilde Tiere. Doch in die erweiterte Gefahrenzone, in dem Umkreis von 30 Kilometern, sind die Menschen längst zurückgekehrt, weil sie dort noch immer Häuser und Gärten besitzen. Mehr als zwei Millionen Menschen wohnen auf der weißrussischen [belarussischen] Seite nahe der ukrainischen Grenze. Wie an vielen Orten der ehemaligen Sowjetunion leben sie von dem,. was in ihren Gärten wächst. Niemand hindert sie daran, Kartoffeln, Gurken und Tomaten auf dem verseuchten Boden zu ziehen, Kühe auf das kontaminierte Gras zu schicken. - Das Thema Tschernobyl ist in Weißrussland [Belarussland] ein Tabu, mein Buch wurde hier nicht verlegt, mein Theaterstück nie aufgeführt. Fragt man die Menschen in der Zone, wie sie hier leben können, winken sie bloß ab. Da sei doch nichts dabei. Aber sie sind nicht dumm. In den zehn Jahren, in denen ich dort Interviews und Gespräche für mein Buch geführt habe, fingen viele immer wieder an zu weinen. - Ich denke, sie wissen genau, warum ausgerechnet in ihrer Umgebung Kindersterblichkeit, Leukämie und Brustkrebs zunehmen, warum so viele behinderte Babys geboren werden. Aber sie haben keine andere Wahl, sie betrügen sich selbst jeden Tag aufs Neue. - Man könnte es deshalb zynisch finden, dass weißrussische [belarussische] und ukrainische Agenturen nun schon seit 15 Jahren Touren durchs Katastrophengebiet anbieten, die auf ukrainischer Seite sogar von der Regierung unterstützt werden. - Auch 25 Jahre nach der Katastrophe haben die Menschen Tschernobyl noch nicht verstanden. Wir haben noch immer weniger Angst vor einem atomaren Unfall als davor, dass uns irgendwann der Strom ausgehen könnte."
** Im Februar 2013 drückten Schneemassen Gebäudeteile des Reaktors ein; gegenwärtig wird eine neue Schutzhülle gebaut.

Kommentare:

  1. Klingt sehr interessant. =) Ich habe übrigens endlich deinen Blogaward annehmen können, kannst ja mal auf meinem Blog vorbeischauen. =)

    hier geht’s zu meinem Blog ♥

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    1. Ja, die Lektüre ist nicht für jedermann, aber mich hat es einfach interessiert (eher von der Geschichte her)

      Natürlich schau ich vorbei ^^

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